Nike - Belgisches Warmblut
Vorgeschichte
- Nike, 1995 geborener Wallach, lebt seit ca. drei Jahren bei der jetzigen Besitzerin. Zwei dieser drei Jahre lahmte Nike. (Jetzige Haltung: Box mit ganztägigem Weidegang in Herde, auch im Winter.)
- Im Frühjahr 2003 Klinikaufenthalt: Angefertigte Röntgenbilder waren ohne Befund, daher wurde auf eine Erkrankung des Hufrollenschleimbeutels geschlossen. Therapie: Es wurde Cortison in den Hufrollenschleimbeutel injiziert. Die Injektion half nur kurzfristig. Nike wurde zwei Jahre lang mit Keilen beschlagen. Der Schmied wurde von der Klinik ausdrücklich für seinen guten Beschlag gelobt.
Ergebnis
- Keine Besserung der Lahmheit.
- Der behandelnde Tierarzt wusste nicht mehr weiter.
- Ein Anruf bei J. Biernat war sozusagen der letzte Versuch der Besitzerin. Herr Biernat riet zu einer huforthopädischen Behandlung.
Beginn der huforthopädischen Bearbeitung
- Beim ersten Besuch durch die Huforthopädin war Nike sehr unruhig, da er erst am Tag vorher in den neuen Stall gewechselt war. Die ersten Fotos gelangen aus diesem Grund auch nicht aus perfekter Perspektive.
- Nike ist ein großes, etwas knochig wirkendes Tier; seine Hufe sind in einem absolut katastrophalen Zustand.
- Die Eisen wurden am Tag vorher vom Ehemann der Besitzerin selbst abgenommen (er fuhr eine zeitlang beim Schmied mit und war der Huforthopädin gegenüber recht skeptisch). Keile waren seit der letzten Beschlagsperiode nicht mehr angebracht worden. Das Eisen hinten rechts war einige Tage vorher verloren gegangen, darum drängte der Termin.
Die folgenden Bilder zeigen die Entwicklung von Nikes Hufen am Beispiel des linken Vorderhufes mit Beginn der huforthopädischen Bearbeitung.
Nike - Juli 2003
Nikes linker Vorderhuf vor der ersten Bearbeitung. Die Zehenwand wie auch die Seitenwände des Hufes stehen deutlich zu schräg und stark verbogen auf dem Boden - der Huf hat seine physiologische Form dadurch in starkem Maße eingebüßt. Die Zehenwand wurde im Bestreben, dem unguten Zustand Abhilfe zu verschaffen, bei der vorhergehenden Hufbearbeitung stark bullennasig beraspelt. In der Folge wurde der verhornte Anteil des Hufbeinträgers freigelegt und in Zehenmitte sogar beinahe gänzlich beseitigt.
Auch wenn nicht in ausreichender Bodennähe fotografiert werden konnte, zeigt sich hier das ganze Ausmaß der Katastrophe: Die Huf-Fessel-Achse ist stark nach hinten gebrochen. Wenn man die Linie der stark beraspelten Zehe gedanklich weiterführt, wird deutlich, wie lang und schräg die Zehenwand in Wahrheit zum Boden steht. Die in hohem Maße unangenehme Situation wurde leidlich entschärft, indem die Zehe stark beraspelt wurde. In der Konsequenz dieses eher hilflosen Versuchs, die zu lange und schmerzhafte Schräge der Zehenwand im Zaum zu halten, wurde der Huf im Bereich der Seitenwände und der Trachten weiter überbelastet. Die Trachten sind stark untergeschoben, die hinteren Seitenwände haben sich in charakteristischer Weise unphysiologisch gerundet und den Kronsaum nach oben gestaucht. Die Ballen sind durch die Überbelastung nach hinten und oben zusammengezwängt.
Im vorderen Seitenwandbereich, also im Bereich vor der Wandrundung, ist der Tragrand massiv ausgebrochen und wurde stark beraspelt. Die schräg verbogenen Wände wurden auf diese Weise über dem Eisen gehalten.
Die oberen 1 bis 2 Zentimeter der Hornkapsel zeigen an, welche tatsächliche Stellung das Hufbein in der Hornkapsel einnimmt. Die zu schräg gewordenen Hornröhrchen der Zehenwand hebeln bei jeder Belastung des Hufes die Hornwand unweigerlich von Hufbein weg, was nicht nur eine starke Belastung der Struktur des Hufbeinträgers bedeutet, sondern gleichermaßen mit einer enormen Schmerzbelastung einhergeht.
Die Sohlenansicht bestätigt die oben getätigten Aussagen über die Untüchtigkeit der Hornkapsel: Die Trachtenwände sind untergeschoben und eingerollt, der übrige Tragrand ist zu einem großen Teil weggeraspelt und darüber hinaus in starkem Maße durch Ausbrüche zerstört. Die letzten verbliebenen schrägen Wandüberstände verschaffen dem Huf keinerlei Sohlenfreiheit. Die gezwungenermaßen stark mittragende Sohle wulstet sich in den Sohlenrandbereichen auf und zeigt an wie weit sich die schräge Hufwand jeweils von der Sohle entfernt hat. Die Eckstreben gehen liegend im Sohlentrümmerhorn unter. Die Ballen sind zusammengezwängt und nach hinten herausgedrückt.
Aus den Notizen der behandelnden Huforthopädin:
| 02. 08. 2003 | Pferd läuft extrem fühlig. Habe Polsterverbände erklärt und Hufschuhe empfohlen, da der Weg zu Weide sehr schmerzhaft ist, die neu gewonnene Freiheit aber genossen werden sollte (im vorher gehenden Stall kaum Auslauf). |
| 17. 08. 2003 | Hufschuhe helfen sehr, Pferd scheint sich auf günstigen Untergründen gut zu fühlen, erste Erleichterung stellt sich ein. |
| 19. 09. 2003 | Fortschreitende Verbesserung in der Bewegung, Sohlen sehr dünn, Tragrand noch nicht da. |
| 11. 10. 2003 | Sohle kaum bearbeitet, läuft auf Platz und in der Halle sehr freudig und gut wie seit Jahren nicht mehr, Besitzerin überglücklich, freundliche Skepsis des Gatten schwindet. |
Nike - Oktober 2003
Nikes linker Vorderhuf, frontal, lateral, solear - Oktober 2003 |
||
Die Huf-Fessel-Achse hat sich enorm verbessert; die gesamte Hufkapsel hat sich aufgerichtet und entspannt. Feine Spannungsrisse und mit herunter genommenes Saumhorn sind für dieses Stadium noch typisch. In der unphysiologischen Wandrundung der Seitenwand sind rote Horneinfärbungen zu sehen. Durch die hohe Stauchkraft dieses Wandbereichs auf die Kronlederhaut wurde während der Hornproduktion Hämoglobin eingedrückt. Die Horneinfärbung entstand in der Zeit, als es dem Pferd besonders schlecht ging (ca. April bis Juni 2003). Der Kronsaum ist in diesem Bereich noch deutlich hochgeschoben.
Die laterale (äußere) Hufhälfte nimmt mehr Last auf - erkennbar vor allem an der steileren Eckstrebe.
Die Trachtenendkanten haben wieder begonnen Last aufzunehmen, die Eckstreben wurden bei der Hufbearbeitung "von der Sohle geholt" und gekürzt; ihre zerstörerische Wirkung ist an den Einfärbungen am Übergang ins Sohlenhorn und dem zersetzten Horn in der lateralen Hufhälfte längs der Eckstrebe zu erkennen. Die Zange der Eckstreben hat sich deutlich vom Strahl entfernt und bietet dem Strahl nun Platz. Die gesamte Sohle weist noch enorme Verfärbungen auf, da sie mangels Tragrand noch tragen muss. (Da die Sohle keine polsternde Unterhaut zwischen Lederhaut und Sohlenfläche des Hufbeins besitzt, wird bei jedem stärkeren Druck auf das Sohlenhorn die Lederhaut auf den Knochen gequetscht. Die Sohle ist aus diesem Grund eigentlich nicht zum Tragen geeignet.)
Aus den Notizen der behandelnden Huforthopädin:
| 08. 11. 2003 | Weiterhin enorm positive Entwicklung, Äußeres hat sich ebenfalls positiv verändert, Pferd wirkt harmonisch und rund, ist freundlich neugierig. Arbeit wird am Boden allmählich gesteigert. |
| 08. 12. 2003 | Nike springt an der Longe auf kleinste Zeichen fliegende Galoppwechsel u.ä. und genießt die wieder gewonnene Beweglichkeit in vollen Zügen. Fühligkeit ist fast verschwunden. Hufschuhe werden für den Gang zur Weide nicht mehr gebraucht. |
| 02. 01. 2004 | Erste Reitversuche haben sich ebenso positiv entwickelt, wie alles andere. Rote verfärbte Sohle kam heute zum Großteil mit raus. Grund für abgeschliffene Wandrundungen endlich entdeckt: deutliche Striemen an beiden Seitenwänden der Box (aus weißem Stein), bei Fütterung oder Unruhe im Stall hantiert er so mit den Hinterbeinen, das er ständig an den Wänden lang fährt. Gummimatten empfohlen. |
Nike - Januar 2004
Nikes linker Vorderhuf, frontal, lateral, solear - Januar 2004 |
||
Die Demarkationslinie, die den Beginn der huforthopädischen Bearbeitung anzeigt, hat die untere Hufhälfte erreicht. Dies bringt, wie auch Nikes Fall, oft nochmals eine deutliche Erleichterung für den Bewegungsablauf von so stark im Schwerpunkt nach hinten unten verlagerten Hufen mit sich. Die Horneinfärbung der Seitenwand wächst nach unten, es ist keine neue Horneinfärbung in der Wandrundung nachgekommen.
Durch weiter stärkere Lastaufnahme der Hufaußenseite findet sich lateral eine schmalere Huf- und Strahlhälfte mit steilerer Eckstrebe und (leider) abgeschliffenem Tragrand (siehe auch laterale Ansicht). Die mediale Hälfte zeigt sich mit hebelnder Wand und Fäulnisprozessen, in dem durch Dehnung angreifbar gemachten Blättchenhorn. Die Zange im Ballenbereich hat sich deutlich weiter geöffnet. Die Eckstreben nehmen wieder Last auf; auch der Tragrand kann dies fast vollständig wieder, nur in den Seitenwänden sind die Zerstörungen noch zu groß. Die Blättchenschicht hat sich beruhigt und ist schmaler geworden. Die Verfärbung der Sohle ist nur noch gelblich nicht mehr rot und spricht von einer deutlichen Entlastung der Sohle. Auch der unphysiologische Druck auf Strahl und Eckstreben hat nachgelassen.
Aus den Notizen der behandelnden Huforthopädin:
| 02. 02. 2004 | Weiterhin traumhafte Entwicklung, Pferd läuft befreit und schwingend, geht auf Zungenschnalzen fliegende Galoppwechsel an der Longe, Tierarzt kann es sich nicht erklären, normale Arbeit wird wieder aufgenommen. |
| 01. 03. 2004 | Begeisterung der Besitzerin kennt keine Grenzen. Pferd hat sich in Ausdruck und Figur enorm verändert: Aus dem kantigen, knochigen Tier ist ein rundes und zufriedenes Pferd geworden. Futterrationen mussten erheblich reduziert werden. |
| 29. 03. 2004 | "Glockenform" der Hufe wächst immer deutlicher unten raus, gefolgt von einem schlanken, passenden Huf. |
Nike - April 2004
Die Spannungsrisse treten nur noch im Mittelteil deutlicher hervor, der Kronsaum endet noch etwas unruhig, aber sauber und ohne an den Röhrchen der Wand hängen zu bleiben. Das nachwachsende Wandhorn ist frei von Einfärbungen. Es wurde eine deutliche Rieddachstruktur angelegt, um die im unteren Teil noch hebelnden Wände am Weghebeln zu hindern und dadurch zum Tragen zu bringen.
Die Huf-Fessel-Achse verbessert sich weiter. Die gesamte Hornstruktur ist glatter, gesund und glänzend. Die unphysiologische Wandrundung erweist sich als erwartungsgemäß hartnäckig. Durch das erfolgreiche Ausschalten der hebelnden Wände sind keine Verfärbungen im Horn der Wände mehr sichtbar.
Die Hufhälften nehmen noch unterschiedlich Last auf, es hat sich aber ein guter Tragrand gebildet, der seine Funktion erfüllen kann, darum treten auch keine starken Rotverfärbungen der Sohle mehr auf. Der Strahl ist weitgehend von Fäulnis befreit. Die Eckstreben haben sich aufgerichtet und können jetzt ihre Funktion als Haltewand der Hufknorpel wieder erfüllen. Die Hufform hat sich sehr verändert, aus der ursprünglichen "Birnenform" wurde eine physiologische rundovale Hufform.






